Wanderblog Nordkap - Erste Etappe


Am 13.7. um 06:19 Uhr war es endlich soweit - der erste Schritt von meiner Haustür in Richtung Nordkap. Der langfristig angelegte Zeitplan: jedes Jahr ca. 200km, Ankunft am Nordkap in 15 bis 20 Jahren. Alleine die ersten fünf Etappen haben mir einen Vorgeschmack gegeben auf alles, was da noch so kommen mag. Wunderschöne Landschaften und Begegnungen mit interessanten, ganz unterschiedlichen Menschen. Inspirierende Orte und Momente, die ich nicht vergessen werde. Unendlich viel Zeit für mich und meine Gedanken. Ein Wechsel zwischen innerer Ruhe und Entspannung - und der inneren Unruhe, wenn die Stille um mich herum und das Alleinsein zuviel für mich werden. Körperliche Schmerzen nach langen Etappen. Zweifel, ob ich es heute bis zu meinem geplanten Ziel schaffe. Und die Einsicht, dass es manchmal das Beste für mich ist, wenn ich meine ursprünglichen Pläne nicht schaffe. In diesem Blog schreibe ich über die Eindrücke und Erlebnisse auf dem Weg - in diesem Beitrag über meinen ersten Tag von zuhause nach Neuburg an der Donau.

Hochmotiviert ging es also los, über noch feuchte Wiesen nach Scheyern, wo ich einen Stop am Grab meines Opas einlege. Beim Lesen seiner Tagebucheinträge während des Corona-Lockdowns wurde ich daran erinnert, dass seine letzte große Reise auch zum Nordkap ging. Also gebe ich ihm mein Wort, dass ich es schaffen werde und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er mich auf dem weiteren Weg begleitet. Kurz danach komme ich an den Totenbrettern von Menzenpriel vorbei - und muss ob der poetischen Bemühungen der Hinterbliebenen etwas schmunzeln.

Unterwegs finde ich noch einen weiteren Zeitvertreib. Am Tag vor meinem Start habe ich zum ersten Mal von "Baumperlen" gehört, die an Buchen wachsen - danke Irmi :-)! Und so halte ich bei Buchen am Wegesrand immer die Augen offen und entdecke erstaunlich viele davon. Vielleicht bastle ich im Winter eine Kette für meine Tochter daraus, oder sie werden in irgendeiner anderen Form verarbeitet - mal sehen.

Gegen 10:30 Uhr bin ich in Hohenwart und versorge mich beim Bäcker mit Proviant, bevor es weiter im Wald in Richtung Norden geht. Wie zu erwarten war, treffe ich unterwegs nur vereinzelt Spaziergänger und keine anderen Wanderer. Es gibt hier in der Gegend keine gekennzeichneten Routen und ich finde die Wege quer durch Wald und Wiesen vor allem durch eine hervorragende topographische Karte auf meinem Handy, die mich im Laufe der Woche mehr als einmal vor dem Verlaufen bewahren sollte. Eine technische Bekanntschaft mache ich dafür jetzt zum ersten Mal seit langem: Düsenjäger donnern im ruhigen Wald regelmäßig über mich und kündigen den nahenden Fliegerhorst bei Neuburg an. Aus meiner Kindheit kann ich mich an die Jagdflieger erinnern, vor allem das Durchbrechen der Schallmauer empfand ich damals als spannendes Highlight. Jetzt werde ich im sonst stillen Wald erinnert, welchen Krach sie machen. Kurz nach diesem Wald wird es zäh für heute: das Donaumoos und damit ein noch circa 15 Kilometer flaches Stück liegt vor mir.

Die Beine werden langsam schwer, die Fußsohlen brennen und die Sonne brennt am Nachmittag auch zunehmend erbarmungsloser vom Himmel. Der Boden in dieser Gegend wurde nur entlang den Hauptstraßen trockengelegt - entsprechend lang ziehen sich die Orte hin. Passanten schauen mich mit meinem großen Rucksack und meinem - zugegebenermaßen nicht besonders modischen - Wanderhut an, als wäre ich direkt vom Mars gelandet. Wenn ich sie grüße wenden sich die meisten mit irritiertem Blick ab - wenn sie nicht eh schon in sicherer Entfernung die Straßenseite gewechselt haben. So habe ich mir das mit den Begegnungen auf dem Weg eher nicht vorgestellt. Immerhin grüßt mich bei Hausnummer 100-irgendwas eine ältere Dame mit Bierflasche in der Hand aus ihrem Garten. Ich freue mich richtig darüber, mal wieder sozialen Kontakt zu spüren!

Kurz vor Neuburg brauche ich nochmal eine Pause, meine Füße sind nach über 40 Kilometern schon sehr beleidigt und gegenüber eines Kirchturms steht eine schattige Bank, auf der ich mein Proviant und meinen Trinkrucksack leere. Es ist idyllisch, bis ein dermaßen infernalischer Lärm aufkommt, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Was ist hier los, direkt am Dorfplatz, gegenüber der Kirche??? Die Düsenjäger sind es wieder, diesmal allerdings direkt über mir! Und ich bemerke: meine Bank steht wenige hundert Meter nach Ende der Startbahn. Anwohner gehen und radeln vorbei als wäre nichts gewesen, sie haben sich offensichtlich an die Überflüge gewöhnt. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft immer an diesen Moment denken, wenn ich mal wieder das Brummen eines Passagierflugzeugs über mir höre.

Die letzten Kilometer bis Neuburg sind bald geschafft und ich bin glücklich, als mir die Touristinformation ein Zimmer für heute Nacht besorgt. Ich hatte auch nur eine Vorgabe gemacht: ich will nicht mehr weit gehen. Blasen und erste Schmerzen an meinem Sprunggelenk signalisieren mir schon, dass ich es heute streckenmäßig etwas übertrieben habe. Aber noch sind die Schmerzen nicht groß genug, dass ich mein morgiges Tagespensum in Frage stelle. Es ist wohl wie so oft im Leben: echte Erkenntnisse und Lernfortschritte macht man nicht durch die Vermeidung von Schmerzen, sondern erst wenn sie groß genug sind, dass man sie erhört...

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