Sind wir bereit, uns mit mehr Liebe zu begegnen?

Fußballturnier der Bambinis. Die 5-7 jährigen Kicker einer Mannschaft versammeln sich vor dem Spiel mit ihrem Trainer und stimmen sich mit dem folgenden Spruch auf das Spiel ein "fünf, sechs, sieben, acht - die ander'n werden platt gemacht."

Kaffeeküche eines Unternehmens. Ein Mitarbeiter hat versehentlich eine vertrauliche Mail statt an sein direktes Team an das ganze Unternehmen geschickt. Zwei seiner Kollegen unterhalten sich "Hast du das gelesen, was der da schreibt? Wie kann man nur...".

Demonstration und Gegendemonstration im Zentrum einer Stadt. Zwei Gruppen schreien sich gegenseitig an. Die Polizei steht dazwischen und verhindert, dass sie aufeinander losgehen.

Fußball-Bundesliga live im Stadion. Die Fangesänge wechseln zwischen dem Anfeuern der eigenen Mannschaft und dem Beleidigen von Gegnern, Funktionären oder Verbänden ab.

"Thats life?"

Kommt uns irgendwie ganz normal vor, oder? Zumindest sind wir an solche Situationen gewöhnt und wenn uns jemand davon erzählt liegt eine Reaktion in die Richtung "nicht schön, aber so ist das halt" nahe. Es ist auch nicht so, dass hier böse, schlechte Menschen am Werk sind. Wenn wir uns mit dem Fußballtrainer unterhalten ist er ein sympathischer Kerl. Mit den Kollegen aus der Kaffeeküche arbeiten wir gut zusammen. Und der aggressive Fußballfan oder Demonstrationsteilnehmer ist außerhalb des Stadions vielleicht ehrenamtlich engagiert oder in einem sozialen Beruf für andere Menschen da. Es ist - wie so oft im Leben - nicht schwarz-weiß. Und uns ist oft gar nicht bewusst, welche Wirkung Worte oder Handlungen auf andere haben - weil wir es schlicht aus Gewohnheit machen und uns nichts weiter dabei denken, keinen Anlass haben, darüber nachzudenken.

Wie würde es sich anfühlen, wenn die oben genannten Szenen anders ablaufen?

Der Trainer der Kinder sagt seiner Mannschaft vor dem Spiel "macht die Augen zu und stellt euch vor, wie ihr euch Pässe zuspielt, wie ihr aufs Tor schießt, wie der Ball im Netz landet und ihr miteinander jubelt. Und jetzt genießt euer Spiel, gebt euer Bestes und habt Spaß."

Der Vorgesetzte und einige Kollegen gehen zu dem Mitarbeiter, der die vertrauliche Mail verschickt hat und sagen zu ihm "Hey, Kopf hoch und denk dir nichts. Du bist und bleibst ein super Teammitglied und Fehler passieren jedem mal." In der Kaffeeküche tauschen sich die Kollegen über das letzte Wochenende aus statt über Dritte zu reden.

Parallel zu Demonstration und Gegendemonstration wird ein moderierter Austausch organisiert, zu dem Menschen mit unterschiedlichen Ansichten eingeladen werden. Zielsetzung: einander zuhören und verstehen wollen, was den anderen bewegt, was zu seiner Sichtweise führt.

Im Fußball-Stadion hören wir keine Schmähgesänge und Beleidigungen mehr, sondern die Energie der Fans konzentriert sich ganz auf das Anfeuern der eigenen Mannschaft.

Zu schön um wahr zu sein?

Es ist natürlich unrealistisch, dass sich das Verhalten aller Menschen von einem Tag auf den anderen verändert. Also sind die oben beschriebenen Szenen unrealistisch? Wenn wir erwarten, dass es sofort passiert, ja. Und wenn wir erwarten, dass sich alle Menschen ändern, auch ja. Aber wenn wir - egal, was die anderen vielleicht machen - selbst damit anfangen und darauf hoffen, dass sich vielleicht 10 oder 20 Prozent der Menschen in Zukunft anders verhalten? Klingt schon nicht mehr ganz so utopisch finde ich.

Ich bin der Überzeugung, dass Veränderung immer so beginnt - ein anfangs kleiner Teil der Menschen macht etwas anders. Denn nur dann können andere Trainer, Kollegen, Vorgesetzte, Fans beobachten, dass es auch anders gehen könnte. Spüren, dass es sich besser anfühlt und erkennen, dass sogar bessere Ergebnisse damit erzielt werden. Spielen die Kinder besser und mit mehr Spaß, wenn sie hören, dass sie die anderen platt machen sollen oder wenn wir sie mit positiven Bildern aufs Feld schicken? Stärken wir unsere Beziehung untereinander und die Motivation im Team, wenn wir bei Fehlern übereinander lästern oder wenn wir uns aufbauen, uns Mut zusprechen? Werden wir zukunftsfähige Lösungen finden, wenn wir einander anschreien und jeder darauf besteht, dass er recht und der andere unrecht hat? Oder wenn wir es schaffen, einander zuzuhören, uns zu verstehen um dann gemeinsam eine Zukunft zu gestalten, an der unterschiedliche Menschen und Perspektiven beteiligt sind? Spielt die eigene Mannschaft besser, wenn sie von ihren Fans angefeuert wird oder wenn in Fangesängen die gegnerische Mannschaft beleidigt wird?

Wir haben schon oft bewiesen, dass wir unser Verhalten ändern können

In der Generation meiner Eltern war die Prügelstrafe in der Schule und oftmals auch im Elternhaus noch ganz normal. "Es hat keinem geschadet" wurde damals gesagt - heute wissen wir es besser. Nicht nur in Schulen sind solche Erziehungsmaßnahmen glücklicherweise Geschichte. Auch in Familien und generell in unserer Gesellschaft ist körperliche Gewalt mittlerweile strafbar und - bis auf die leider immer noch existierenden Fälle - weitestgehend verschwunden. Hätten sich die Lehrer unserer Eltern und Großeltern diese Entwicklung vorstellen können?

Die "Gewalt" in unseren Worten und Handlungen ist leider noch nicht in diesem Umfang verschwunden. Sie steckt - bewusst oder unbewusst - in unseren Aussagen, Gewohnheiten und Handlungsmustern. Und genauso wie wir gelernt haben, auf körperliche Gewalt zu verzichten, können wir auch diese latente, oft erst auf den zweiten Blick erkennbare Gewalt in unserem Verhalten zum Positiven verändern. Indem wir reflektieren und uns selbst hinterfragen - egal ob im Fußball-Stadion, in der Arbeit oder beim Einkaufen. Indem wir uns menschlicher, respektvoller, liebevoller begegnen. Und so beginnen zu spüren, wie viel besser es sich anfühlt - für uns und für die Menschen, mit denen wir Kontakt haben. So kann eine Entwicklung entstehen, der sich immer mehr Menschen anschließen, die uns zusammen menschlicher, liebevoller, glücklicher macht. Wenn ich die Augen zumache und mir diese Zukunft vorstelle spüre ich, wie gut sich das anfühlt. Also, wann fangen wir damit an? Vielleicht - jetzt?

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