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Unser Familien-Leitbild

07/05/2020

 

Die aktuelle Zeit ist in vielerlei Hinsicht nicht gerade einfach - es gibt für mich seit Beginn des Lockdowns aber auch positive Highlights. An erster Stelle steht für mich unser familieninterner "Workshop", bei dem wir ein gemeinsames Familien-Leitbild besprochen haben. Die Erfahrung für unsere Familie war so spannend und emotional, dass ich sie gerne teilen möchte. Auch weil ich glaube, dass so ein Austausch für viele Familien eine sehr schöne Möglichkeit bietet, den Zusammenhalt zu stärken. Gerade reden wir viel darüber, wie wir in Unternehmen oder in der Gesellschaft in Zukunft miteinander umgehen möchten - warum also nicht in der kleinsten Einheit Familie damit anfangen? 

 

Wie wollen wir in unserer Familie miteinander umgehen?

Das war die Kernfrage, über die wir uns gemeinsam mit unseren Kindern unterhalten wollten. Die Idee dazu hatte ich schon länger im Kopf, unter anderem inspiriert von Steven Coveys Buch "Die 7 Wege zur Effektivität für Familien". Jetzt kamen einige Faktoren zusammen, dass die Zeit endlich gekommen war es tatsächlich zu versuchen:

  • Das Alter unserer Kinder (6 und 8) ermöglicht jetzt so einen Austausch

  • Alle Familienmitglieder hatten "dank" Corona mehr Zeit 

  • Dadurch gibt es sowohl mehr Spaß als auch mehr Streit in der Familie

  • Mein Bedürfnis, endlich mal wieder als Moderator mit einer Gruppe zu arbeiten. Und da ich das wegen der Auflagen mit externen Gruppen nicht machen durfte war meine Familie die einzige Gruppe, die dafür in Frage kam...

 

Unser erster Familien-Workshop beginnt...

Also mit der Ankündigung "Lasst uns mal zusammensetzen, was wir uns in der Familie voneinander wünschen" alle vier Familienmitglieder versammelt - durch das schöne Frühlingswetter ging das sogar auf der Terrasse. Zum Festhalten der Ergebnisse ein Pinnwand-Papier an die Wand und Moderationskarten und Stifte auf den Tisch. Als initiale Frage hatte ich mir überlegt "Was sind denn eure Wünsche, wie wir als Familie miteinander umgehen sollten?" Bevor ich sie stelle spüre ich eine gar nicht so kleine innere Anspannung - sitze ich jetzt gleich zwei schweigenden Kindern und einer schweigenden Ehefrau gegenüber, die mich mit großen Augen ansehen und sich denken - was will der jetzt von uns?

 

Eine ungeahnte, beeindruckende Dynamik entsteht

Die gleich zum Start folgende Rückfrage meiner Tochter "Wie meinst du das jetzt genau" bestätigt erst meine Anspannung, nach ein paar zusätzlichen Erklärungen entsteht dann aber eine Dynamik, wie wir sie nicht für möglich gehalten hätten. Aus beiden Kindern sprudelt es richtig heraus und ich komme mit dem Aufschreiben kaum mehr mit. Sowohl eher allgemeine Punkte wie "Weniger streiten" oder "Spielzeug auch tauschen" als auch konkretere Wünsche wie "Keine Schimpfwörter sagen", "Nicht zuhauen sondern miteinander reden", oder "Beim letzten Stück vorher fragen, wer es bekommt" werden genannt. Wir Eltern sind positiv überrascht, dass ein Großteil der Wünsche, die wir selbst im Kopf hatten direkt von den Kindern kommen!

 

Was besonders schön und auch emotional für mich ist, ist der dann folgende Austausch, wie wir die einzelnen Wünsche im Familienalltag leben wollen. Beeindruckt beobachte ich, wie gut die Kinder schon ihre Gefühle beschreiben können, wie es ihnen in bestimmten Situationen geht und was ihnen schwer fällt, zum Beispiel wenn die Wut beim Streit unter Geschwistern hochsteigt und dann raus muss, oder wenn sie Abends erschöpft und müde sind. Und wie von ihnen auch gute Vorschläge kommen, damit umzugehen. Ich merke wie wichtig es ist, sich erst einmal die Zeit zu nehmen zuzuhören, nachzufragen, sie zu verstehen. Klar - es ist natürlich umso wichtiger, das nicht nur bei einem einmaligen Austausch, sondern auch im Alltag zu machen. Das gelingt aber natürlich nicht immer. Was auch in Ordnung ist. Egal ob Kind oder Erwachsener, wir sind alle Menschen, haben unterschiedliche Tage mit unterschiedlichen Stimmungen und Stresspegeln. Auch das war übrigens ein Punkt, den wir aufgeschrieben haben: "Schlechte Laune ist ok, aber die anderen sind keine Blitzableiter".

 

Und es gibt auch Punkte, bei denen es erstmal bei einem Wunsch bleibt, wir noch keinen konkreten Weg finden, das in Zukunft besser zu machen. Zum Beispiel sagen beide Kinder zu ihrem Wunsch "Spielzeug auch teilen", dass ihnen das bei ihren Lieblingssachen schwer fällt und sie nicht sagen wollen, dass sie das ab sofort machen. Also steht auf der Moderationskarte erst einmal der Wunsch und dahinter "Wie?" - mal sehen ob sich hier in Zukunft etwas entwickelt.

 

Das Ergebnis muss unbedingt als Bild an die Wand

Zum Abschluss verteilen wir je Kind drei Aufgaben, die sie in Zukunft im Haushalt übernehmen. Wir als Eltern entscheiden am Ende zwar, was wir festhalten, die Vorschläge kommen aber auch da alle von den Kindern selbst - mit einer erstaunlich hohen Motivation, zum Beispiel die Aufgabe "Tisch denken / Tisch abräumen" sofort nach unserem Gespräch zu erledigen! Ich bin beeindruckt - auch wie sehr die Kinder darauf bestehen, die zwei Plakate mit ihren Wünschen und der Aufgabenverteilung an der Wand zu befestigen, damit wir sie jederzeit anschauen können. Gut, ein gerahmtes Bild an der Wand wäre schöner, aber auch wir müssen Kompromisse schließen und finden einen geeigneten Platz - immerhin außerhalb des Wohnzimmers.

 

Am nächsten Morgen zeigt sich: Das Ergebnis muss weiterleben

Nach etwa 1,5 Stunden sind wir fertig und ich habe das super Gefühl, dass die Zeit sehr wertvoll für uns war und wir als gesamte Familie gewachsen sind. Am nächsten Morgen zeigt sich dann, dass es mit dem Festhalten unserer Ergebnisse nicht getan ist - sie müssen direkt angepasst werden. Bei der Aufgabenverteilung "Tisch denken" haben wir nicht bedacht, dass unsere Tochter - im Gegensatz zu unserem Sohn - am Wochenende eine Langschläferin ist. Also stehen wir gegen 7.30 Uhr vor dem leeren Frühstückstisch und gleichzeitig vor der Frage: wecken wir sie jetzt auf? Weil wir wissen, wie wichtig ihr am Wochenende das Ausschlafen ist entscheiden wir uns dagegen und stattdessen für einen spontanen Tausch. Unser Sohn deckt, sie soll dafür abräumen. Aber wie das mit Vereinbarungen so ist, an denen man nicht beteiligt war: als Milena hört, dass sie heute morgen den Tisch abräumen soll kracht es noch vor dem ersten Kaffee gewaltig. Noch dazu mit der sehr ehrlichen, aber nicht unbedingt deeskalierenden Erklärung "Ich räume nicht ab, das ist viel mehr Arbeit als decken!" Keine Alternativlösung findet eine einstimmige Mehrheit in der Familie und mir bleibt nichts anderes übrig als die zwei Karten "Tisch denken" und "Tisch abräumen" wieder von unserem Plakat abzunehmen und demonstrativ in die Mitte des Frühstückstischs zu legen. Bis am Nachmittag Milena mit einem Vorschlag kommt, dem dann alle zustimmen.

 

Und weiter geht's - mit einer guten Basis

Es sind mittlerweile über 3 Wochen seit unserem "Familien-Workshop" vergangen. Natürlich ist jetzt nicht alles nur super, es gibt weiterhin gute und schlechte Tage, sowohl gemeinsames Lachen als auch Streit. Wir sind und bleiben Menschen mit Ecken und Kanten und wie wir schon am nächsten Morgen erfahren konnten: es geht darum weiter im Gespräch zu bleiben, immer wieder zu reagieren, wenn neue Situationen entstehen. Ich habe das Gefühl, dass wir für unser zukünftiges Familienleben eine sehr wertvolle Basis gelegt haben. Und es hat sich bereits jetzt oft gezeigt, dass die Kinder dieses gemeinsame "Leitbild" eben nicht als ein von uns bestimmtes Regelwerk sehen, sondern als einen Rahmen, an dem sie mitgewirkt haben und an den sie sich auch gebunden fühlen. Und ich bin mir sicher, dass uns dieses Leitbild noch lange begleiten wird. Es wird uns erinnern, dass wir es in dieser besonderen "Corona-Zeit" erarbeitet haben und es wird genau wie unsere Familie hoffentlich weiter wachsen.

 

 

 

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